Mensch George, ärger dich nicht - Nicole Ardin

Freitag, 19. Oktober 2018

Mensch George, ärger dich nicht


"In jeder Minute, die man mit Ärger verbringt, versäumt man sechzig glückliche Minuten."
Albert Schweitzer


George* ist ein Mann im besten Alter. Er ist ein geselliger Typ, der gerne viel und lange redet. Manchmal fällt es mir schwer ihm über lange Zeit zuzuhören, weil er sich wiederholt, aber das ist ok, denn es bereitet ihm Freude von seinem Tag zu erzählen und das finde ich schön.

Die wahre Herausforderung dabei ist nicht so sehr die Länge seiner Monologe, sondern die Themen, denn George hat sehr viel darüber zu berichten, was in seinem Leben und der Welt schief läuft. Er meint, es sei gesund seinem Ärger Luft zu machen und ich stimme ihm da teilweise zu. Es ist allerdings nur so lange gesund, wie der Ärger keine Überhand über den Alltag nimmt und bei George ist das leider immer mehr der Fall. Er ärgert sich über so vieles und fokussiert sich dabei nicht nur selbst auf alles Negative, er steckt manchmal seine Mitmenschen regelrecht an. Denn wie wir uns mit dem Lachen gegenseitig anstecken können, so geht das eben auch mit dem negativen Denken.

Natürlich könnte man sich nun ganz einfach von George fernhalten und ihn seiner Negativität ausgesetz lassen, schliesslich ist es nicht die Aufgabe eines Aussenstehenden George alles recht zu machen, damit er sich nicht mehr ärgern muss. Das würde übrigens ohnehin nicht gehen, denn George ist es sich so gewohnt sich über alles zu ärgern, dass er immer etwas findet, worüber es sich zu beschweren lohnt. Doch die Wahrheit ist, ich mag George und glaube, dass er nur einen kleinen Stubs in die richtige Richtung braucht, um sein Leben positiver zu gestalten.

Während unseres letzten Gespräches frage ich George, warum er so vieles in seinem Leben als negativ empfindet. Er überlegt eine Weile, findet jedoch nicht wirklich eine Antwort darauf. Er ärgert sich einfach so sehr über alles, dass es für ihn zum Alltag geworden ist. Sprich: George weiss gar nicht mehr so recht wie es sich anfühlt sich mal einen Tag lang nicht über etwas zu ärgern. Ich kenne solche Situationen nur zu gut, nicht mit dem Thema Ärger, aber in anderen Situaitonen wie zum Beispiel dem Gefühl nicht zu genügen, was dazu führt, immer noch mehr zu geben, so viel, dass er eigentlich gar nicht gut genug sein kann. Ja, das kann schon zu einem Teufelskreis werden, das bedeutet aber nicht, dass wir in diesem Teufelskreis bleiben müssen.

ABGRENZUNG UND ACHTSAMKEIT - ECHTES TEAMWORK
Da George ein echt netter Kerl ist, möchte ich ihn gerne unterstützten. Aber nur unter einer Bedingung, nur solange ich selbst nicht in diese Negativität mitgezogen werde, denn dann wäre ich ihm auch keine Hilfe mehr. Wir machen also ab, dass wir uns gegenseitig unterstützen, damit wir gemeinsam wachsen können. Für mich gilt es hier zu lernen mich sauber abzugrenzen und meine "Batterien" wieder aufzuladen, damit ich ihn, aber natürlich auch anderen angemessen unterstützten kann. Sein Hauptthema hingegen ist die Achtsamkeit, denn nur wenn wir achtsam sind uns uns der aktuellen Situation bewusst sind, können wir dort ansetzen wo wir es für nötig halten um uns weiterzuentwickeln. George muss also erst mal lernen bewusst zu merken, wenn der Ärger kommt, denn dann kann er sich darauf einlassen, sich diesen genauer anschauen, woher er kommt, was ihn auslöst und schlussendlich auch, wie er damit umgehen und sich mehr auf freudige Dinge fokussieren kann.

GEORGE MACHT SICH AN DIE ARBEIT
Zwingen kann ich ihn natürlich zu nichts, ebensowenig kann ich ihm die Arbeit abnehmen an sich selbst und an dem zu arbeiten, was er ändern möchte. Aber ich teile gerne meine Erfahrungen mit George, denn ich weiss, dass auch ein Mann im besten Alter noch Berge versetzten kann. George hat mittlerweile schon mit seinem Achtbarkeitsheft zu arbeiten begonnen, indem er jeden Tag 10 Dinge aufschreibt, die für ihn heute positiv waren und dann in Gesprächen mit anderen Menschen hauptsächlich über diese positiven Dinge spricht. Als wir uns vor ein paar Tagen trafen und darüber sprachen meinte er, zehn Dinge pro Tag, das ist gar nicht so einfach. Nein, das ist es tatsächlich nicht, aber ich weiss, dass George dieser Herausforderung absolut gewachsen ist.


*Georgeheißt eigentlich anders. Seinen Namen habe ich, wie immer, geändert, um ihn zu anonymisieren und seine Privatsphäre zu schützen. 

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