Paul geht es zu schnell - Nicole Ardin

Samstag, 3. November 2018

Paul geht es zu schnell


Charlie sagt: "Eines Tages werden wir sterben." Und Snoopy antwortet: "Ja, aber an allen anderen Tagen nicht".

Paul* wird bald 70 und erzählt mir immer mal wieder gerne, was er am Tag so alles erlebt. Oft geht er schwimmen und berichtet dann ganz stolz, wenn er seinen bisherigen Rekord im Längenschwimmen brechen konnte. Paul hatte vor etwas über einem Jahr einen Schlaganfall - Glück im Unglück darf man allerdings sagen, denn mittlerweile funktioniert nicht nur der linke Arm wieder einwandfrei, auch das Sprechen geht problemlos. Nur das Wetter spüre er des öfteren mal in der Schulter, sagt er.

Der Schalganfall hat jedoch noch etwas anderes hinterlassen, nämlich grosse Angst. Angst, nie mehr gesund zu werden, aber natürlich auch angst vor dem Sterben. Paul meint, ihm sei erst jetzt richtig bewusst geworden, dass er dem Lebensende näher sei, als der Zeit die ihm zum leben übrig bleibt. Er sagt mir: "Weisst du, es geht alles so schnell. In 10 Jahren bin ich schon 80 Jahre alt und dann ..."

Ja dann, was ist dann? Weder Paul noch ich wissen, was in zehn Jahren sein wird. Was wir allerdings beide Wissen ist, dass er im Moment viel Freizeit hat, denn er ist im Ruhestand. Paul hat viel Zeit, Zeit zum Schwimmen, Zeit zum Musizieren, denn er liebt es Gitarre zu spielen und Zeit zum Malen, ein weiteres Hobby. Er hat aber auch viel Zeit zum Nachdenken und leider sind diese Gedanken, nicht immer besondes angenehm - sie machen ihm Angst.  Wann immer ich Paul sehe und wir miteinander sprechen, dann sagt er mir, unsere Gespräche seien für ihn wie Therapie und ich hätte immer so gute Tipps, die ihm helfen würden positiver zu leben. Ich nehme es als Kompliment, auch wenn ich eigentlich der Meinung bin, dass ihm eine schon professionell ausgebildete Person besser helfen könnte, doch das möchte er nicht.

Die Angst vor dem Sterben oder dem Tod kann ich Paul nicht nehmen, auch die Zeit kann ich für ihn nicht langsamer laufen lassen, oder gar anhalten. Ich kann ihm höchstens zuhören, mit ihm darüber philosophieren was uns wohl nach dem Übergang erwarten mag - manchmal auch ganz schön humorvolle und zum Teil etwas verrückte Vorstellungen preisgeben um zu zeigen, dass das was uns danach erwartet vielleicht gar nicht so schlimm ist, wie manche glauben.

Veränderungen sind nie leicht, sie verlangen uns ganz schön viel Mut ab und es ist nur normal, dass die grösste Veränderung die uns alle eines Tages erwartet uns angst macht. Aber mit Zuversicht, mit Vertrauen und einer grossen Portion Mut, werden wir auch diesen Schritt meistern - davon bin ich überzeugt. Bis dahin haben wir alle noch ganz viele Möglichkeiten das Mutigsein zu üben, denn an allen anderen Tagen sterben wir nicht.


*Paul heißt eigentlich anders. Seinen Namen habe ich geändert, um ihn zu anonymisieren und seine Privatsphäre zu schützen. 

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