Zu viel des Guten: Kann Achtsamkeit schädlich sein? - Nicole Ardin

Dienstag, 28. Mai 2019

Zu viel des Guten: Kann Achtsamkeit schädlich sein?


"Zu viel Achtsamkeit führe womöglich zu einer zu starken Fokussierung auf sich selbst, was wiederum Angst oder eine Neigung zu Depressionen zur Folge haben könnte, sogar bis hin zum Substanzmissbrauch. " aus Psychologie Heute basierend auf der Studie von W.B. Britton

Dieses Zitat habe ich dem einem Artikel aus der Zeitschrift Psychologie Heute entnommen, der sich mit der Frage befasst, ob und wie ein zu hohes Level an selbstfokussierter Aufmerksamkeit die eigentlichen Vorteile der Achtsamkeit zu Nachteilen machen kann. Ich finde die Sichtweise, die in diesem Artikel beleuchtet wird interessant und lesenswert, deshalb nutze ich die Gelegenheit meine Betrachtungsweise etwas genauer zu erläutern.

Die Aufgabe der Achtsamkeit

Um zu erkennen, ob Achtsamkeit das tut, was sie unserer Meinung nach tun soll, müssen wir in erster Linie definieren, was denn überhaupt ihre Aufgabe ist. Jon-Kabat Zinn, der Begründer der MBSR Technik (Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion) beschreibt es in etwa folgendermassen:

„Achtsamkeit bedeutet: Auf eine bestimmte Weise aufmerksam zu sein, bewusst, im Gegenwärtigen Augenblick und ohne zu urteilen.“ - Jon Kabat-Zinn

Wenn wir von einer achtsamkeitsbasierten Lebensweise sprechen, dann oft im Zusammenhang mit Worten wie glücklicher leben oder erhöhtes Wohlbefinden, doch das ist, wenn wir es genau betrachten gar nicht die Aufgabe der Achtsamkeit. Die Aufgabe der Achtsamkeit ist es bewusster wahrzunehmen was im aktuellen Moment in und um einen herum geschieht. Es geht nicht darum Glücksgefühle herbeizuführen oder sie gar zu erzwingen, sondern mit allen Sinnen zu leben, intensiver zu leben und dazu gehören nicht nur Gefühle, die wir als positiv bezeichnen würden. Doch auch das was wir als vermeintlich negativ bezeichnen, kann uns vieles lehren, wenn wir jedoch davon ausgehen, dass wir mit Hilfe der Achtsamkeit alles nur noch aus einer rosaroten Brille betrachten und alle Probleme sich in Luft auflösen, dann erwarten wir ganz  klar zu viel. Dann wird der Achtsamkeit eine schwierige Bürde auferlegt, die sie kaum tragen kann. Das ist mir schon einige Male aufgefallen, nämlich dass manche Achtsamkeit mit dem Heiligen Gral des Wohlbefindens gleichsetzen wollen, der ihnen all die Wunder beschert, die sie sich hinsichtlich ihres Lebensfreude schon immer erhofft haben. Doch so läuft es nicht, andernfalls würde jeder einzelne Mensch auf dieser Welt sich wohl nur noch mit Achtsamkeit befassen.

Wahrnehmen ohne zu urteilen

 Achtsamkeit ist also kein heiliger Gral des Wohlbefindens, darin sind wir uns einig. Sie ist lediglich ein Werkzeug der Beobachtung. Positive oder negative Gefühle entstehen hingegen erst dann, wenn wir beginnen zu urteilen und eine Situation zu analysieren. Und ja, wir sind Menschen, also urteilen wir. Wir wägen ab was uns schaden könnte und was für uns förderlich ist. Doch dann sind wir, genau genommen, nicht achtsam. Lass mich das anhand einer Metapher erklären: Ein Hammer als Werkzeug kann uns schliesslich auch nicht schaden, es sei denn wir hauen uns damit auf den Finger - ja, dann tut es weh, das macht den Hammer als Werkzeug allerdings nicht per se schädlich. Richtig angewadt kann der Hammer uns aber auch dabei unterstützen etwas aufzubauen. Nicht anders verhält es sich mit der Achtsamkeit, sie hilft uns eine Situation und unsere damit zusammenhängenden Gefühle eine neue Perspektive einzunehmen und mit einer gewissen Distanz zu betrachten.

Die Balance finden

Schlussendlich ist es auch bei diesem Thema wie mit allem im Leben, die Balance macht’s. Doch genau das ist doch der Punkt, denn Achtsamkeit hilft uns aufmerksamer zu werden, für das um uns herum, aber auch für unsere Bedürfnisse. Wenn wir demnach geübt sind in den Techniken der Achtsamkeit, dann wissen wir auch wann etwas genug ist, oder wenn es zuviel wird. Weshalb also dann noch weitermachen? Achtsamkeit ist ein nützliches Werkzeug, kein Allheilmittel. Es kommt immer darauf an wie und in welchem Kontext wir es verwenden.

Weitere Artikel und Studien aus der Achtsamkeitsforschung:


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