Die Sache mit der Wahrheit und warum sie uns manchmal in Konflikte führt

by - August 20, 2021


Lieber Leser, heute möchte ich dich mitnehmen auf eine kleine Reise und zwar möchte ich mir dir etwas tiefer in die Welt der Philosophie und Psychologie eintauchen. In diesem Artikel möchte ich dies tun, in dem wir uns den Begriff der Wahrheit etwas genauer betrachten.

Du kennst solche Situationen bestimmt auch, sei es mit deinem Partner, deinen Eltern, mit Freunden und Arbeitskollegen, ja selbst mit Fremden, die du spontan auf der Strasse triffst. Manchmal verhalten sich unsere Mitmenschen einfach völlig unlogisch, dabei wäre der Fall, was zu tun wäre, doch klipp und klar. Warum sehen sie die Wahrheit denn einfach nicht? Nun, vielleicht wird es dich verwundern, aber so geht es jedem Menschen und ob du es hören möchtest oder nicht, in manchen Situationen bist du für deine Mitmenschen, die Person, die unlogisch handelt. Was zeigt uns dieses Beispiel? Dass Wahrheit, also das, was wir als wahr (aus dem indogermanischen Wurzelnomen *wēr- = Vertrauen, Treue, Zustimmung“) ansehen, unsere Wahrnehmung eben, sehr unterschiedlich sein kann.

Von ultimativer Wahrheit und Philosophie

Schon der griechische Philosoph Sokrates wusste, dass wir die Realität/Wirklichkeit, also das, was unabhängig unseres inneren Empfindens und Urteilens existiert, dem menschlichen Erkenntnisvermögen prinzipiell unzugänglich ist. Wir können allenfalls durch unmittelbar beobachtbare Sachverhalte einigermassen zuverlässig feststellen, ob eine Aussage wahr oder eben falsch ist. Also zum Beispiel: "Der Apfel ist rot." - wenn wir gerade einen roten Apfel in den Händen halten oder sehen.

Natürlich gibt es auch wissenschaftliche und/oder gesellschaftliche Wahrheiten, die durch den hohen Stellenwert der Wissenschaft heutzutage sogar oft in Zusammenhang stehen. Während gesellschaftliche Wahrheiten jedoch viel eher als kulturelle oder auch moralische Dogmen angesehen werden können, die innerhalb einer gruppe Menschen gleich und daher als wahr angesehen werden, sollte man sich vom Konzept der all-einen Wahrheit im Bereich der Wissenschaft rasch wieder verabschieden. Überhaupt gehört letzteres viel eher in die Sparte der Religion, als in die Wissenschaft, denn ehrliche Wissenschaft ist stehts bereit aktuelle Erkenntnisse, die unter bestimmten Zusammenhängen als wahr angesehen werden, unter neuen Umständen neu zu beurteilen. Es gilt sich eine Sache daher immer im Verhältnis anzuschauen. Das macht die Erkenntnisse der Wissenschaft nicht weniger wahr oder wertvoll, aber es erlaubt zu verstehen, dass auch die Wissenschaft keine allumfassende Wahrheit darstellen kann, sondern höchsten eine Perspektive beleuchten kann.

Wie entsteht unsere persönliche Wahrheit?

Die Individualpsychologie sagt: «alles kann auch anders sein» und meint damit, dass die Wahrheit eine Frage der persönlichen Perspektive ist. Oder anders ausgedrückt, es gibt nur eine subjektive Wahrnehmung, die jeder für sich als Wahrheit empfindet. Unsere ganz persönliche Wahrheit setzt sich aus verschiedenen Ideen und Meinungen zusammen, die wir uns im Laufe unserer Kindheit bilden. Es geht dabei weniger darum was wir als Kind erfahren, als vielmehr darum, welche Schlüsse wir daraus ziehen. Aus diesem Schlüssen formen wir unsere Meinungen, Glaubenssätze und Handlungsweisen mit denen wir unser Leben meistern können. Und wie du dir bestimmt vorstellen kannst, sind diese von Mensch zu Mensch sehr individuell. Aus diesem Grund können zum Beispiel auch zwei Kinder, die in derselben Familie aufwachsen und selbes erleben, dennoch zwei komplett unterschiedliche Sichtweisen dazu entwickeln. Im Fachjargon nennt man dies die Tendenziöse Apperzeption, und meint damit eben diese selektive oder persönlich gefärbte Wahrnehmung. Oder anders ausgedrückt, ein jeder von uns betrachtet die Welt durch eine persönlich gefärbte Brille, die das, was wir erfahren so filtert, dass wir es für uns verstehen können.

Die Herausforderung während eines Gesprächs liegt oft darin, nicht zu vergessen, oder gar erst zu wissen, dass unsere Weltsicht nicht DIE  Wahrheit, sondern unsere individuelle Wahrheit darstellt. Oft geraten wir in genau solchen Momenten aneinander, in denen uns das nicht bewusst ist. In solchen Situationen fragt man sich dann, weshalb das Gegenüber diese total logische Sache einfach nicht verstehen will. Doch jeder verharrt in seiner eigenen Perspektive, die er für ganz selbstverständlich und absolut logisch hält, sodass es uns schwer fällt anzuerkennen, dass unsere Wahrheit eben nicht die Wahrheit unseres Gegenübers ist.

Was hilft uns das Wissen darüber, dass es keine allumfassende Wahrheit gibt?

Es hilft uns zu verstehen, dass wir alle gleichwertig sind. Unabhängig davon ob meine mit deiner Wahrheit übereinstimmt. Jede Wahrheit hat ihre Berechtigung und ist eben auf ihre Weise wahr. Das wiederum hilft uns mehr Akzeptanz in unseren Alltag zu bringen, das Gegenüber lieg nicht falsch, es sieht die Welt einfach aus seiner für es logische Sichtweise, so wie auch du eine für dich logische Sichtweise besitzt. Wenn uns daher etwas an einem Menschen liegt und wir ihn und seine persönliche Wahrheit verstehen lernen wollen, dann müssen wir ihn mit seiner ganzen Geschichte betrachten. Denn, wie wir inzwischen wissen, handelt der Mensch weniger aufgrund von Tatsachen, sondern aufgrund seiner persönlichen Überzeugungen und Meinungen über Tatsachen. Das ist ein kleiner, aber entscheidender Unterschied, der in einen Konflikt führen, oder ihn abwenden kann.

Wenn wir dessen bewusst sind, vielleicht gerade auch in einem Gespräch, in dem zwei oder mehrere Sichtweisen aufeinandertreffen, kann es eine grosse Hilfe sein um es auf einer respekt- und verständnisvollen Basis weiterzuführen, selbst dann, wenn man nicht dieselbe Wahrheit vertritt. 

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